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Diskussion und Bewertung der Richtlinien und Praktiken YouTubes in Hinblick auf das Urheberrecht

Symbolbild Urheberrechte

In einem Interview mit dem EU-Abgeordneten Axel Voss (CDU), veröffentlicht in der Zeitung ZEIT ONLINE fiel die Aussage ”Das, was YouTube macht, ist eine Art Enteignung” auf. Zu dieser Aussage liegt die These ”YouTube verletzt durch ihre Praktiken die Eigentumsrechte der Content Creator an deren Inhalten” vor, welche im Laufe dieser Arbeit überprüft wird. Zu untersuchen ist der Umgang mit Urheberrechtsverletzungen auf der Plattform YouTube - sowie Veränderungen, die durch die neue Europäische Urheberrechtsreform auf Content Creator zukommen.
Dabei sind insbesondere die eingesetzten Technologien zu untersuchen, welche YouTube nutzt, um Urheberrechtsverletzungen vorzubeugen. Außerdem werden die Standards zur Monetarisierung und Geldverteilung seitens YouTubes recherchiert und bewertet. Zuletzt wird überprüft, wie gegebenenfalls bestehende Probleme mit neuen Technologien oder Gesetzen gelöst werden können.
Die Richtlinien von YouTube, sowie die Servicebeschreibung und die Gesetze der Europäischen Union dienen als nützliche Quelle die oben genannte These zu diskutieren. Zudem werden voraussichtlich verschiedene wissenschaftliche Publikationen hinzugezogen, um eine neutrale Bewertung Dritter mit zu Berücksichtigen.

1. Einleitung

Im Juli 2016 beschloss der Rechtsausschuss des Europäischen Parlaments den Urheberrechts-Bericht von Julia Reda und erkannte damit die Notwendigkeit einer Urheberrechtsreform an, um Mindeststandards auf EU-Ebene zu bestimmen [1]. Darauf präsentierte die EU-Kommission mit dem scheidenden Digital-Kommissar Günther Oettinger im September des gleichen Jahres einen Entwurf für eine Richtlinie “über das Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt”, welche auf massive Kritik auslöste - unter anderem weil es sogenannte Upload-Filter vorsah [2].

Als Upload-Filter wird das automatische Überprüfen auf Urheberrechtsverletzungen jedes Inhaltes, welches auf eine Plattform hochgeladen wird, bezeichnet. Dazu wird für jeden urheberrechtlich geschützten Inhalt ein Hashwert gespeichert. Bei jedem Hochladen neuer Inhalte werden von einem Algorithmus die Hashwerte der neuen Inhalte mit den Werten der geschützten Inhalte verglichen. Findet der Algorithmus Überschneidungen, wird der neue Inhalt nicht hochgeladen [3].

Am 15. Juni 2017 übernahm Axel Voss die Rolle des Berichterstatters für die Urheberrechtsreform und wurde damit der verantwortliche Abgeordnete für das Gesetz [4]. Nachdem die EU-Staaten im europäischen Rat ihre Position inklusive Upload-Filter beschlossen [5], reichte auch der Rechtsausschuss im EU-Parlament einen Änderungsantrag mit Upload-Filtern ein, welchen das Parlament jedoch zunächst ablehnte und damit eine zweite Abstimmung erzwang [6].
Die Position wurde in der zweiten Abstimmung am 12. September 2018 mit großer Mehrheit beschlossen [7]; am gleichen Tag schlug Jean-Claude Juncker Upload-Filter zur Bekämpfung von Terrorismus vor [8].

Die Verhandlungen im sogenannten Trilog zwischen den Positionen von EU-Parlament, Kommission und Rat wurden hinter verschlossenen Türen weitergeführt [7]. Die Diskussion war zu diesem Zeitpunkt schon sehr angespannt, während unter anderem der Internetpionier Tim Berners-Lee in einem offenen Brief an den EU-Parlamentspräsidenten für ein freies Internet ohne Upload-Filter plädiert [9], sprach Axel Voss von einer Kampagne gegen Filter und kritisierte “die ganzen Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen, denen wir ausgesetzt sind” als “nicht wirklich hilfreich” [7].
Auf zahlreichen Social Media Plattformen witzelten User mittlerweile mit Hilfe von sogenannten Memes über Axel Voss und dessen angebliche Unwissenheit.

Abbildung 1: Meme über Axel Voss (Quelle: twitter.com/werquer/status/1039929872154591233)

YouTube startete im November 2018 die Kampagne “Save your Internet” in der sich die Plattform gegen das Gesetz und Upload-Filter ausspricht und präsentiert Meinungen von Künstlern und YouTubern, die vor dem Ende des Internets warnen [10] [11]. Zudem kündigte die YouTube Chefin Susan Wojcicki an, infolge der Urheberrechtsreform unter Umständen 35 Millionen Kanäle in Europa schließen zu müssen [12].

Am 13. Februar 2019 verkündeten die Trilog-Verhandler, sich auf einen gemeinsamen finalen Text zur Urheberrechtsreform geeinigt zu haben, welcher trotz aller Kritik Upload-Filter enthielt [13]. Eine Woche später segnete der Rat der EU den Kompromiss auch mit der Stimme Deutschlands ab, was im direkten Widerspruch zum Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD steht [14].
Der Parlamentsabstimmung im März 2019 gingen, zumindest in Deutschland, massive Proteste in zahlreichen Städten voran, in denen sich zehntausende Demonstranten gegen die Reform aussprachen und befürchteten, dass das Internet so wie sie es kennen nicht mehr existieren wird [15] [16].

In einem Interview vom 25. März 2019 mit Lisa Hegemann von der Zeitung Die Zeit fiel folgendes Zitat: “Anscheinend will man YouTube von irgendeiner Haftung befreien, obwohl die Plattform ein rechtlich fragwürdiges Modell betreibt, in dem sie das Eigentum anderer nimmt, es in Geld verwandelt, aber anderen nichts abgibt. Das, was YouTube macht, ist eine Art Enteignung.” [17]

Am 26. März 2019 beschloss das EU-Parlament die Urheberrechtsreform der Europäischen Union, welche schließlich am 15. April 2019 durch den Rat der Europäischen Union bestätigt wurde [18] [19].

Nach der intensiven und ausschreitenden Diskussion, den zahlreichen Demonstrationen und Protesten, politischen Deals und der enormen Medienpräsenz, sowie dem polemischen Zitat von Axel Voss wird das Thema in dieser Arbeit mit etwas zeitlichen Abstand nüchtern und auf Grundlage von Fakten anhand der These ”YouTube verletzt durch ihre Praktiken die Eigentumsrechte der Content Creator an deren Inhalten” diskutiert und bewertet.

2. Methode

Die aus dem Zitat von Axel Voss abgeleitete These “YouTube verletzt durch ihre Praktiken die Eigentumsrechte der Content Creator an deren Inhalten.” wird qualitativ analysiert. Hierzu werden die verschiedenen Schlagwörter, die Herr Voss in seinem Zitat nennt, betrachtet und auf Grundlage der entsprechenden Praktiken, Standards und Richtlinien YouTubes, sowie den bestehenden Gesetzgebungen zur Zeit des Zitats eingeordnet und diskutiert.
Darüber hinaus werden die von Herrn Voss vorgeschlagenen Gesetzesänderungen betrachtet und analysiert, ob damit die gewünschten Effekte erreicht werden können. Diese Grundlage der aktuellen und der gewünschten Lage wird mit einer Literaturrecherche erarbeitet, in dem auf YouTubes Internetpräsenz die entsprechenden Regelungen ermittelt und die geltenden sowie geplanten Artikel in den Gesetzgebungen überprüft werden.

”Anscheinend will man YouTube von irgendeiner Haftung befreien, obwohl die Plattform ein rechtlich fragwürdiges Modell betreibt, in dem sie das Eigentum anderer nimmt, es in Geld verwandelt, aber anderen nichts abgibt. Das, was YouTube macht, ist eine Art Enteignung. “ (Voss)

Die Schlagworte, die Herr Voss in seinem Zitat nennt sind die Haftung von YouTube aufgrund von Urheberrecht, YouTubes rechtliches Modell, Eigentum der Videos und des Urheberrechts, Geld und die Verteilung der Videoeinnahmen, sowie die Enteignung durch YouTube. Zu jedem Punkt wird die aktuelle Lage recherchiert und beurteilt, ob es sich um eine berechtigte Kritik an YouTube handelt.
Abschließend wird versucht die These zu beantworten und bewerten, ob die von Herr Voss geplanten Gesetze sinnvoll sind.

3. Grundlagen

3.1 Axel Voss

Axel Voss studierte Rechtswissenschaften an der Universität Trier und an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und ist seit 1994 als Rechtsanwalt zugelassen. 1996 tritt er in die CDU ein und übernimmt seitdem überwiegend Europa-Politische Funktionen. Im Jahr 2009 wird Voss Mitglied des Europäischen Parlaments und gehört der EVP-Fraktion an.
Er arbeitete unter anderem an Themen wie Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), als Berichterstatter zu Upload-Filter und Leistungsschutzrecht, aber auch an der Globale überwachungs- und Spionageaffäre [20]. Laut der Plattform LobbyPlag.eu, welche die Änderungsanträge zur DSGVO der EU-Mitgliedsländer analysiert, hat Voss die meisten Änderungsanträge für weniger Datenschutz verfasst [21].

3.2 Schlüsselbegriffe

3.2.1 Haftung

Der Begriff Haftung bedeutet grundsätzlich, dass jemand für einen Schaden einstehen muss. Die Haftung kann sich dabei aus Vertrag oder aus dem Gesetz ergeben [22]. Dieser Begriff wird im späteren Verlauf wichtig, da YouTube Nutzungsbedingungen hat, welche anstelle des Vertrags stehen.

3.2.2 Enteignung

Um das Zitat von Herrn Voss genau zu analysieren und die aufgestellte These zu widerlegen, benötigt man gewisse Grundverständnisse in Bezug auf den Begriff Enteignung. Enteignung wird rechtlich als “den Entzug des Eigentums an einer unbeweglichen oder beweglichen Sache durch den Staat, im Rahmen der Gesetze und gegen eine Entschädigung” definiert [23].

3.2.3 Urheberrecht

Der Begriff Urheberrecht ist im Bezug zu unserer Analyse ein wichtiger Punkt, um den Besitz von Content zu definieren. Urheberrechte beschreiben “[...] nicht nur den offiziell anerkannten Anspruch auf das persönliche Eigentum, sondern legen auch fest, wer dieses Eigentum in welchem Rahmen nutzen darf” [24].

 3.3 Gesetzliche Grundlagen

Artikel 14 der Richtlinie 2000/31/EG über den elektronischen Geschäftsverkehr [25]:

Hosting

1. Die Mitgliedstaaten stellen sicher, dass im Fall eines Dienstes der Informationsgesellschaft, der in der Speicherung von durch einen Nutzer eingegebenen Informationen besteht, der Diensteanbieter nicht für die im Auftrag eines Nutzers gespeicherten Informationen verantwortlich ist, sofern folgende Voraussetzungen erfüllt sind:

(a) Der Anbieter hat keine tatsächliche Kenntnis von der rechtswidrigen Tätigkeit oder Information, und, in Bezug auf Schadenersatzansprüche, ist er sich auch keiner Tatsachen oder Umstände bewusst, aus denen die rechtswidrige Tätigkeit oder Information offensichtlich wird, oder

(b) der Anbieter wird, sobald er diese Kenntnis oder dieses Bewusstsein erlangt, unverzüglich tätig, um die Information zu entfernen oder den Zugang zu ihr zu sperren.

Die Rechtslage vor der Urheberrechtsreform von 2019 sah vor, dass Anbieter grundsätzlich nicht für die von den Nutzern hochgeladenen Inhalte auf ihrer Plattform verantwortlich sind. Sie müssen rechtswidrige Inhalte erst dann löschen, wenn sie Kenntnis über die Rechtswidrigkeit erlangen.

Auszug aus Artikel 17 der Richtlinie (EU) 2019/790 über das Urheberrecht und die verwandten Schutzrechte im digitalen Binnenmarkt und zur Änderung der Richtlinien 96/9/EG und 2001/29/EG über die Nutzung geschützter Inhalte durch Diensteanbieter für das Teilen von Online-Inhalten [26]:

4. Wird die Erlaubnis nicht erteilt, so ist der Diensteanbieter für das Teilen von Online-Inhalten für nicht erlaubte Handlungen der öffentlichen Wiedergabe, einschließlich der öffentlichen Zugänglichmachung, urheberrechtlich geschützter Werke oder sonstiger Schutzgegenstände verantwortlich, es sei denn, der Anbieter dieser Dienste erbringt den Nachweis, dass er

(a) alle Anstrengungen unternommen hat, um die Erlaubnis einzuholen; und

(b) nach Maßgabe hoher branchenüblicher Standards für die berufliche Sorgfalt alle Anstrengungen unternommen hat, um sicherzustellen, dass bestimmte Werke und sonstige Schutzgegenstände, zu denen die Rechteinhaber den Anbietern dieser Dienste einschlägige und notwendige Informationen bereitgestellt haben, nicht verfügbar sind; und in jedem Fall

(c) nach Erhalt eines hinreichend begründeten Hinweises von den Rechteinhabern unverzüglich gehandelt hat, um den Zugang zu den entsprechenden Werken oder sonstigen Schutzgegenständen zu sperren bzw. die entsprechenden Werke oder sonstigen Schutzgegenstände von seinen Internetseiten zu entfernen, und alle Anstrengungen unternommen hat, um gemäß Buchstabe b das künftige Hochladen dieser Werke oder sonstigen Schutzgegenstände zu verhindern.

Nach der Urheberrechtsreform sind Anbieter grundsätzlich für von Nutzern hochgeladene urheberrechtlich geschützte Inhalte, von denen sie von den Urhebern keine Zugänglichkeitserlaubnis haben, verantwortlich und müssen diese entfernen sowie das zukünftige Hochladen verhindern. Dazu sollen nach branchenüblichen Standards alle Anstrengungen unternommen werden.

3.4 Social Media Platform

“Social Media Plattformen dienen in erster Linie die sozialen Beziehungen abzubilden, zu pflegen und zu verwalten sowie neue Beziehungen zu schaffen. “ (Stuhec-Meglic)

Jedes dieser Netzwerke kann verschiedene Zielsetzungen haben, wie zum Beispiel geschäftliche oder private Kontakte zu verknüpfen. Meistens haben diese Plattformen alle gleiche beziehungsweise ähnliche Funktionen oder Werkzeuge, die für die Kommunikation zuständig sind. Es gibt Profilseiten, Suchfunktionen, Kontaktmanagement, Nachrichtenfunktionen und vieles mehr. Die Hauptintention von diesen Netzwerken ist es, Gleichgesinnte zu vernetzen, Meinungen zu generieren oder schnell möglichst viele Leute über Themen zu informieren. All diese Möglichkeiten sind demnach eine digitalisierte Form von dem, was es offline bereits gibt, wie eine normale Face-to-Face Kommunikation [28].

Zur Verdeutlichung wird dies an der am häufigsten genutzten Social Media Plattform Facebook erklärt. Auf Facebook können Menschen miteinander kommunizieren und so mit Leuten in Kontakt bleiben. Durch sogenannte Posts können die Nutzer Bilder, Texte oder sonstiges mit ihren Kontakten teilen. Besonders ist, dass die Beziehungen nicht nur abgebildet, sondern auch mit Hilfe von Algorithmen gewichtet werden. Bei Facebook heißt dieser Algorithmus Edgerank und funktioniert auf den drei Ebenen Affinität, Gewichtung und Aktualität. Die Affinität bezieht wie stark und wie häufig man miteinander in Kontakt steht mit ein.

Die Gewichtung beschreibt die Art des Contents, also ob es sich bei dem Post um ein Bild, Textbeitrag oder sonstiges handelt. Die Aktualität wird aus Sicht des Empfängers bewertet und analysiert, wie viele Beiträge ein Nutzer sieht und wie viel Zeit er auf der Plattform verbringt. Anhand dieses Algorithmus werden die Inhalte individuell für jeden Nutzer angezeigt. In einem Zitat sagt Mark Zuckerberg dazu: “A squirrel dying in front of your house may be more relevant to your interests right now than people dying in Africa”.

Insgesamt bauen alle Social Media Plattformen auf solchen Algorithmen, welche die jeweilige Intention des Netzwerkes unterstützen. Facebook ist auf die Kommunikation mit den Kontakten ausgelegt. So werden beispielsweise wesentlich mehr Beiträge von Personen gezeigt, mit denen der Nutzer auch offline am meisten Kontakt hat, und seltener Beiträge von Personen, welche wenig Kontakt zum Nutzer haben. Genauso verhält es sich mit Inhalten, Facebook zeigt mehr Beiträge zu Themen, für die sich der Nutzer interessiert [28].

3.4.1 Geschäftsmodell Social Media Plattformen

Social Media Plattformen besitzen heutzutage fast alle dasselbe Geschäftsmodell und beziehen ihre Einnahmen durch personalisierte Werbung. Dazu zählt auch die Weitergabe von Daten. Zum Beispiel analysiert Facebook Daten von WhatsApp, um bessere Werbung anzeigen zu können. Wenige Dienste bieten auch eine Möglichkeit zur Monetarisierung oder sind börsennotiert und haben somit außerhalb der Werbeeinnahmen noch andere Einkommensquellen [29].

3.4.2 Geschäftsmodell YouTube

YouTube ist ein öffentliches Videoportal auf dem vom Nutzern hochgeladene Videos angesehen, bewertet und kommentiert werden können. Jeder Nutzer kann eigene Videos hochladen und sie damit verfügbar machen [30]. Content Creator können ab einer bestimmten Reichweite Werbung vor ihre Videos schalten lassen. Die Einnahmen werden von YouTube als AdSense-Einnahmen bezeichnet und verteilen sich zu 55 % auf den Creator und 45% auf YouTube.
Außerdem wird Werbung im Hintergrund auf den verschiedenen Seiten YouTubes angezeigt [31]. Mittlerweile bietet YouTube auch kostenpflichtige Kanäle in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern an, bei denen die Einnahmen wieder aufgeteilt werden [32].

4. Analyse

4.1 YouTube Richtlinien und Nutzungsbedingungen

YouTube selbst hat im Bezug zu Urheberrechten Richtlinien und Nutzungsbedingungen aufgestellt. Bezeichnet als “Von ihnen gewährte Rechte” schreibt YouTube “Sie behalten Ihre Rechte als Urheber und alle bestehenden gewerblichen Schutzrechte an Ihren Inhalten. Kurz gesagt: Was Ihnen gehört, bleibt auch Ihres. Es ist jedoch erforderlich, YouTube und anderen Nutzern des Dienstes bestimmte, nachfolgend beschriebene Rechte zu gewähren.”

Nun werden die Lizenzen zu den im vorherigen Zitat von YouTube genannt. Einerseits die genannte “Lizenz an YouTube” andererseits die “Lizenz an andere Nutzer”. So wird die Lizenz an YouTube wie folgt beschrieben: “Durch das Einstellen von Inhalten in den Dienst räumen Sie YouTube und seinen verbundenen Unternehmen [...] das weltweite, nicht-exklusive, kostenfreie Recht ein, diese Inhalte zu nutzen [...], ausschließlich zum Zweck der Erbringung und Verbesserung des Dienstes [...] und lediglich in dem dafür nötigen Umfang.”
Die Lizenz an andere Nutzer wird von YouTube bereitgestellt als “Sie gewähren auch jedem anderen Nutzer des Dienstes das weltweite, nicht-exklusive, kostenfreie Recht, im Rahmen des Dienstes auf Ihre Inhalte zuzugreifen und diesen Nutzen zu können [...], soweit dies erforderlich ist und durch Funktionen des Dienstes ermöglicht wird.” [30]

4.2 ContentID

ContentID ist eines der von YouTube verwendeten Tools, um automatisch Videos mit urheberrechtlich geschützten Inhalten zu erkennen. Dabei verwendet YouTube eine Datenbank, der YouTube-CMS (Content Management System), in der alle rechtlich geschützten Inhalte gelistet sind und gleicht Ton und Bildmaterial des Videos mit dieser Datenbank ab.

Für technische Details siehe https://cs.nyu.edu/~eugenew/publications/icassp07.pdf Die Datenbank wird sowohl von großen MCNs (Multi Channel Network, diese bestehen aus vielen einzelnen YouTube Kanälen und vertreten YouTube gegenüber den Interessen ihrer Mitglieder), YouTube Partnern als auch normale Nutzern die eigenen Inhalte schützen lassen wollen, aktuell gehalten.

Wird eine Übereinstimmung gefunden, so wird automatisch ein ”Claim“ (engl. Für Anspruch) für das Video gesetzt. Der Rechtsinhaber hat die Möglichkeit im Voraus festzulegen was mit für ihn beanspruchten Inhalten passiert. Dabei gibt es die Auswahl zwischen dem kompletten Sperren eines Videos und der Schaltung von Werbeanzeigen. Falls die geschützten Inhalte dabei ohne Zustimmung des Rechteinhabers verwendet wurden, fallen dabei sämtliche Ansprüche der durch das Video generierten Werbeeinnahmen ebenfalls dem Rechtsinhaber der geschützten Inhalte zu.
Um urheberrechtlich geschützte Inhalte kommerziell zu verwenden, benötigt der Content Creator (der Nutzer, der das Video auf YouTube hochgeladen hat) also die explizite Erlaubnis des Rechtsinhaber der jeweiligen geschützten Inhalte.

Falls der Content Creator glaubt, dass es sich bei einem Claim um einen Fehler handelt kann er natürlich diesen anfechten und das Video von einem Mitarbeiter von YouTube sichten lassen. Dieser entscheidet dann, ob es sich um eine Urheberrechtsverletzung handelt oder um einen Fehler in der Erkennung des Content ID Systems [33].

4.3 Monetarisierung

Das System zur Monetarisierung von Videos ermöglicht dem Content Creator mehrere Möglichkeiten mit ihren Videos Geld zu verdienen [32]. Die meist genutzte ist die Schaltung von Werbeanzeigen vor und/oder während der Wiedergabe von Videos. Dabei wird ein bestimmter Prozentsatz der Werbeeinnahmen von YouTube an den Nutzer weitergegeben.

Das von YouTube verwendete System zur Auswahl und Schaltung der Werbeanzeigen ist ein Ableger von Googles AdSense. AdSense betrachtet dazu eine Vielzahl von Faktoren aus und schaltet, wenn möglich, individuell angepasste Werbung. Während der Werbeanzeige werden außerdem Benutzerinteraktionen ausgewertet, dabei ist unter anderem ein Videoaufruf, in welchem der Zuschauer die Werbeanzeige bereits nach fünf Sekunden überspringt, deutlich weniger wert als ein Videoaufruf in dem der Zuschauer die komplette Werbeanzeige ansieht und im besten Fall noch dem Link zur Webseite des Werbenden folgt.

YouTube selbst veröffentlicht keine Statistiken. Zudem sind viele YouTuber Mitglied eines MCNs, deren Gewinnteilung in den meisten Fällen ebenfalls nicht öffentlich ist. Nach Aussage vieler YouTuber beläuft sich die Vergütung aber je tausend Videoaufrufe auf circa ein bis zwei Euro [34] und laut der Webseite sumago.de ist die Verteilung 45% für YouTube und 55% für den Content Creator [35].

Allerdings ist nicht jeder Nutzer direkt dazu berechtigt, mit seinen Inhalten Geld zu verdienen. Seit dem 20. Februar 2018 sind eintausend Abonnenten, sowie viertausend Sehstunden im Jahr Voraussetzung für den Verbleib beziehungsweise die Aufnahme in das YouTube Partnerprogramm, welches Voraussetzung für alle Formen der Monetarisierung auf YouTube ist [36].

Außerhalb der Schaltung von Werbeanzeigen bestehen auch noch andere Möglichkeiten, Geld mit seinen Inhalten zu verdienen. Ab 30.000 Abonnenten können Zuschauer eine Kanalmitgliedschaft erwerben, welche abhängig von der Stufe mindestens fünf Euro pro Monat kostet [37].
Dabei erhält YouTube 30 Prozent und der Content Creator 70 Prozent. Zudem soll der Content Creator seinen Zuschauern einen gewissen Mehrwert bieten, dieser ist allerdings nicht genauer definiert [38].

Der Super Chat und die Super Sticker ermöglichen es Nutzern, während eines Live-Streams eine Nachricht in den Chat zu schreiben, die abhängig von der gespendeten Summe entsprechend hervorgehoben und für eine bestimmte Zeit angezeigt wird [32].

Auch können YouTuber mit mindestens 10.000 Abonnenten unter ihren Videos einen Bereich einblenden lassen, in dem verschiedene Merchandise Produkte angeboten werden können [32] [37].

Zuletzt können YouTuber auch Geld durch die Gebühren, welche ihnen ein YouTube-Premium Nutzer zahlt, verdienen. [32]

5. Diskussion

Das Zitat von Herrn Voss kann man auf zwei verschiedene Weisen interpretieren. Zum einen könnte es sein, dass er behauptet YouTube nimmt den Nutzern, welche Videos hochladen, die Urheberrechte weg und sie dadurch dann enteignet. Zum anderen könnte man es interpretieren, dass YouTube an diesen Videos Geld verdient und den eigentlichen Eigentümern nichts davon abgibt. Zusammengefasst könnte die Aussage von Herrn Voss also lauten, das YouTube Urheberrechtsverletzungen unterstützt und damit schließlich Geld verdient beziehungsweise nicht streng genug dagegen vorgeht.

Anhand der oben gesammelten Fakten zu YouTube in Bezug auf die angegebenen Richtlinien und Nutzungsbedingungen, sowie die Monetarisierung und das ContentID, ist eine klare Richtung zu erkennen. YouTube schreibt, wie oben bereits erläutert, in den Nutzungsbedingungen unter “Von ihnen gewährte Rechte”, dass jeder Nutzer die Rechte als Urheber, sowie alle bestehenden gewerblichen Schutzrechte an den Inhalten behält. Somit wäre die erste Vermutung bereits widerlegt.

Trotzdem muss man jedoch den letzten Satz im oben genannten Abschnitt beachten. Dort steht “Was ihnen gehört, bleibt auch Ihres. Es ist jedoch erforderlich, YouTube und anderen Nutzern des Dienstes bestimmte, nachfolgend beschriebene Rechte zu gewähren”. Dies ist ein wichtiger Punkt in der Analyse. YouTube erklärt daraufhin in den zwei Absätzen “Lizenz an YouTube” und “Lizenz an andere Nutzer” diesen Punkt. Diese Lizenzen beschreiben das YouTube beziehungsweise andere Nutzer die Inhalte kostenfrei nutzen dürfen um eine Verbesserung des Dienstes zu Erbringen oder den Inhalten von Nutzen sein könnten. Kurz gesagt dürfte YouTube theoretisch den Inhalt eines Nutzers als Werbung nutzen, da dies eine Verbesserung des Dienstes darstellen würde. In diesem Fall wäre die erste Vermutung wieder teilweise richtig.

Sollte YouTube einen Inhalt für öffentliche Werbung nutzen, ohne dass der Nutzer eine angemessene Teilsumme des Gewinns erhält, wird diesem ein Stück des Urheberrechtes entzogen. Ob YouTube den Nutzern für eine derartige Verwendung eine Art Entschädigung zahlt, ist unbekannt. Somit bleibt der Punkt teilweise offen. Andere Nutzer dürften die Inhalte zum Beispiel auf ihren Webseiten einbinden. Dieser Punkt ist jedoch nicht als Entzug von Urheberrechten zu werten, da durch die Einbindung der Creator des Inhaltes trotzdem die Aufrufe erhält und somit Werbeeinnahmen bekommen könnte.
Zudem sind alle wichtigen Informationen zum Creator automatisch bei der Einbindung zu sehen. Der Punkt das YouTube nicht gegen Urheberrechtsverletzungen vorgehen würde kann durch zwei wichtige Funktionen von YouTube auch erstmal widerlegt werden. Als erstes besitzt YouTube ist das Tool ContentID, welches automatisiert Urheberrechtsverletzungen in Inhalten erkennt und herausfiltert. Wie zuverlässig dieses Tool ist, bleibt offen. Wichtig ist jedoch, dass YouTube ein solches Tool betreibt und somit nicht tatenlos zusieht.

Des Weiteren bietet YouTube einen Dienst an, mit dem es möglich ist, direkten Kontakt aufzunehmen um Urheberrechtsverletzungen zu melden. YouTube reagiert dann auf die Kontaktaufnahmen mit den eigenen Richtlinien zum Urheberrecht. Ebenfalls kann man Einspruch einlegen falls die Anklage falsch ist. Somit ist zu sagen, das YouTube auf jeden Fall sehr gute Möglichkeiten gegen Urheberrechtsverletzungen von Dritten bietet. Eine Analyse wie gut dies tatsächlich funktioniert bleibt aus.

Die zweite Vermutung zur Aussage braucht die bereits erläuterte Monetarisierung und wieder die beschriebenen Lizenzen an YouTube, um analysiert zu werden. Durch die Monetarisierung gibt es viele Möglichkeiten mit den Inhalten Geld zu verdienen. Die jeweilige Verteilung der Einnahmen an YouTube und den Nutzern ist ganz normal, da YouTube ja auch den Nutzern etwas zur Verfügung stellt, um die Inhalte zu publizieren und ebenfalls durch die Werbung Einnahmen benötigt.

Außerdem sieht man das die Nutzer jeweils einen höheren Anteil erhalten, sowohl bei den Werbeeinnahmen als auch den Einnahmen durch Kanal Mitgliedschaften. Dazu kommt, dass Nutzer ab einer bestimmten Anzahl an Abonnenten den Bereich mit den Merchandise Produkten einbinden können und in Live Streams Spenden erhalten können. Von diesen Einnahmen geht nichts an YouTube, da dieses private Quellen ist. Zu diskutieren ist aber die Punkt, dass nicht alle Content Creator Geld bekommen.
YouTube behält sich vor, die Schaltung von Werbeanzeigen erst ab einer bestimmten Anzahl von Abonnenten und geschauten Minuten freizuschalten. Die weiteren oben genannten Optionen benötigen jeweils sogar eine noch höhere Anzahl. Dies ist im Hinblick auf die zweite Vermutung kritisch zu sehen, da demnach nicht jeder Nutzer Geld für die von ihm gestellten Inhalte bekommt, nur- weil er noch nicht die nötigen Voraussetzungen hat. In diesem Fall würde die Vermutung stimmen.

Man weiß jedoch nicht ob YouTube in diesem Fall Geld verdient, wenn der Content Creator nichts erhält, da er nicht die Voraussetzungen erfüllt. Diese Frage bleibt also ungeklärt. Die bereits genannten Lizenzen geben YouTube und anderen Nutzern das Recht die Inhalte kostenfrei zu nutzen. Wie bereits analysiert wäre der Fall von der Verwendung in öffentlicher Werbung kritisch zu sehen- die Einbindung jedoch nicht. Somit gibt es in den beiden genannten Vermutungen zur Aussage von Herrn Voss bereits Punkte, die es widerlegen, aber auch Punkte, die durchaus als kritisch anzusehen sind.

Kommen wir nun zum genauen Wortlaut von Herrn Voss. Im Ganzen ist auf Grundlage der Analyse zu sagen, dass man anhand der Definition von Enteignung, YouTube definitiv diese nicht vorwerfen kann. Die kritisch gesehenen Punkte reichen bei weitem nicht aus, um zu behaupten, dass YouTube den Content Creator das Eigentum gegen Entschädigung entzieht.

YouTube schreibt eindeutig in den Nutzungsbedingungen und Richtlinien, welche Lizenzen YouTube und andere Nutzer bei den Inhalten haben. Diese sind weitestgehend nicht so zu bewerten, dass eine Art Enteignung vorliegen könnte. Das einzige Ergebnis, welches dieses bekräftigen würde, wäre die genannte Nutzung den Inhalten in öffentlicher Werbung von YouTube ohne Informationen vom Creator und ohne Entschädigung. Die Analyse reicht jedoch nicht aus, um dieses Ergebnis konkret mit einzubeziehen, da es darüber keinerlei Informationen gibt.
Auch der mangelnde Umgang mit Urheberrechtsverletzungen wird durch das Tool ContentID und die Support Funktion widerlegt. Jedoch fehlt die Information, ob es auch gut genug funktioniert, um dies konkret in die Analyse mit aufzunehmen. Die Monetarisierung von YouTube ist zwar in der Hinsicht mit der Anzahl von Abonnenten als kritisch zu sehen, aber grundsätzlich als Punkt gegen die behauptete Enteignung zu stellen, da es überhaupt möglich ist Geld zu bekommen.

5.1 Auswirkung der Gesetzesänderung

Das Hochladen von urheberrechtlich geschützten Inhalten wurde rechtlich betrachtet dahingehend verschärft, dass die Anbieter für die Zugänglichkeit der Inhalte direkt verantwortlich sind und nicht wie zuvor, erst nachdem sie Kenntnis über rechtswidrige Inhalte erlangt haben. Die Verantwortung wurde von den Nutzern, die Inhalte hochladen, zu den Anbietern, die diese zur Verfügung stellen, transferiert. YouTube hat allerdings mit der ContentID schon vor der neuen EU-Richtlinie sämtliche hochgeladene Inhalte auf Urheberrechtsverletzungen kontrolliert und gegebenenfalls das Hochladen verhindert. Daher sollte YouTube speziell keine Änderungen vornehmen müssen und die Praktiken YouTubes nach der Urheberrechtsreform bleiben dieselben wie zuvor.

Bei anderen Anbietern ohne ContentID ähnlicher Algorithmen wird ein Upload-Filter eingebaut werden müssen. Daher kann die Richtlinie durchaus zur Verhinderung des Hochladens urheberrechtlich geschützter Inhalte beitragen und damit den Eigentümern helfen.

5.2 Fazit

Abschließend kann man also sagen, dass die Aussage von Axel Voss ”Das, was YouTube macht, ist eine Art Enteignung“ und die dazu ausgelegte These, man mit den gesammelten Informationen widerlegen kann, da es genügend Fakten gibt, die gegen eine sogenannte Enteignung sprechen und auch vermutete Hintergrundbehauptungen des Zitats entkräften. Die als kritisch gesehenen Punkte konnten nicht weiter analysiert werden, da es keine geprüften beziehungsweise überhaupt keine Informationen vorliegen. Als Ausblick auf zukünftige Analysen ist es demnach wichtig, die Funktionalität der Tools von YouTube zu prüfen und auch juristische Fakten genauer unter die Lupe zu nehmen.

Quellen

  • [2] Hendrik Obelöer. Reaktionen auf Reformvorschläge der EU-Kommission: Es hätte nicht schlimmer kommen können. NETZPOLITIK.ORG, September 2016. https: //netzpolitik.org/2016/reaktionen-auf-reformvorschlaege-der-eu-kommission-eshaette-nicht-schlimmer-kommen-koennen/. Besucht am 13. Januar 2020.
  • [38] Kanalmitgliedschaft verwalten. YouTube. ttps://support.google.com/youtube/answer/7491256. Besucht am 13. Januar 2020.

 

 

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